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«Risiken von Pflanzenschutzmitteln schnell zu reduzieren ist alternativlos»

Carte Blanche für Robert Finger, ETH Zürich

19.05.2022 – Die Politik hat sich zum Ziel gesetzt, die Risiken im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft bis 2027 um 50 Prozent zu verringern. Gefragt sind neue Anbausysteme, bei denen die Landwirtschaft weniger oder gar keine Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen muss.

Carte Blanche / Robert Finger
Bild: zvg

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.

Pflanzenschutz ist essenziell für den Schutz landwirtschaftlicher Kulturen und damit die Ernährungssicherheit der Bevölkerung. Dabei verwendet die Landwirtschaft häufig Pflanzenschutzmittel, die zwar kostengünstig und sehr effektiv gegen Insekten, Pilzkrankheiten oder Unkräuter Schutz bieten, jedoch negative Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben. Ein zentrales Ziel der Politik ist es daher, die Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch den Pflanzenschutzmitteleinsatz deutlich zu reduzieren.

Am 13. April 2022 hat der Bundesrat das Verordnungspaket «für sauberes Trinkwasser und eine nachhaltigere Landwirtschaft» verabschiedet. Dieses geht auf eine parlamentarischen Initiative zurück (Parl. Initiative 19.475), welche im Vorfeld der Abstimmung zu den Pestizidinitiativen von der ständerätlichen Kommission für Wirtschaft und Abgaben eingereicht wurde. Das im Verordnungspaket fixierte Ziel ist es, die mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verbundenen Risiken bis 2027 um 50 Prozent zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Auflagen für die Landwirtschaft verschärft und neue Direktzahlungsprogramme eingeführt. Dies ergänzt bestehende Programme und Anreizmechanismen.

Das Ziel, die Risiken des Pflanzenschutzmitteleinsatzes schnell massiv zu reduzieren ist zwar ambitioniert, aber richtig und alternativlos. Kurzfristig kann dieser Schritt jedoch auch unerwünschte Nebeneffekte haben. Erträge könnten sinken, die Kosten des Pflanzenschutzes steigen und damit die inländische Nahrungsmittelproduktion insgesamt reduziert werden. Dadurch könnten auch die Preise für Nahrungsmittel steigen. Eine Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ist daher insbesondere vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der damit einhergehenden Verwerfungen auf Agrarmärkten umstritten. Der Zeitpunkt für einen grossflächigen Wechsel auf Produktionsmethoden mit weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz scheint kritisch. Es braucht jedoch dringend beides, eine produzierende und nachhaltigere Landwirtschaft.

Neue Anbausysteme könnten mit weniger oder ohne Pflanzenschutzmittel auskommen

Um dieses ganzheitliche Ziel zu erreichen, müssen meiner Meinung nach drei Bereiche adressiert werden. Erstens muss die Effizienz des Pflanzenschutzmitteleinsatzes deutlich gesteigert werden, so dass auch mit geringerem Einsatz gleichviel produziert werden kann. Neue Technologien aus der Präzisionslandwirtschaft liefern dazu grosse Potentiale. Zweitens müssen Pflanzenschutzmittel mit hohen Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt durch weniger riskante aber immer noch effektive Strategien ersetzt werden. So sollte der Einsatz von biologischen Bekämpfungsmitteln und Massnahmen gestärkt werden. Drittens müssen die landwirtschaftlichen Produktionssysteme so umgestaltet werden, dass der Pflanzenschutzmitteleinsatz systematisch weniger notwendig wird. Ein Ausbau präventiver Strategien, diversere Produktionssysteme aber auch die Züchtung von neuen Pflanzensorten können zum Beispiel zu Anbausystemen führen, die weniger anfällig für Krankheiten und Schädlingsbefall sind. So kann der Pflanzenschutzmitteleinsatz reduziert oder überflüssig werden.

Nicht nur die Landwirtschaft ist gefordert

Um diese Schritte umzusetzen und die Ziele bis 2027 zu erreichen, braucht es mehr als gesetzliche Massnahmen, die allein auf den landwirtschaftlichen Betrieb abzielen. Pflanzenschutz muss ganzheitlich betrachtet werden und alle Akteure der Wertschöpfungskette müssen sich einbringen und einen Beitrag zur Reduktion der Risiken leisten. Die Forschung und vorgelagerte Industrie müssen neue Technologien, Züchtungen und Anbauverfahren nicht nur entwickeln, sondern auch gemeinsam mit der Praxis auf den Betrieben umsetzen. Es braucht gezielte Bildung und Beratung, um neue Produktionsmethoden und -systeme effektiv in die Landwirtschaft einführen zu können. Die nachgelagerten Unternehmen müssen alternative Produktionssystem gezielt fördern und ermöglichen. In diesem Kontext hat beispielsweise die Migros beschlossen, nur noch Brot aus pestizidfreiem Getreide zu verkaufen. Landwirte und Landwirtinnen, die pestizidfrei produzieren, erhalten dafür nicht nur höhere Getreidepreise, sondern auch zusätzliche Direktzahlungen. Nur durch die Kombination verschiedener Ansätze und die Zusammenarbeit aller Akteure kann der Schritt zu nachhaltigeren Landwirtschafts- und Lebensmittelsystemen gelingen.

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Robert Finger ist Professor für Agrarökonomie und -politik an der ETH Zürich. Er leitet momentan zudem das World Food System Centers der ETH Zürich.

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