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«Umdenken statt umbringen: Warum wir das Zusammenleben mit Wildtieren üben sollten»

Carte blanche für Uta Maria Jürgens, Eidgenössische Forschungsanstalt WSL

5.4.2023 – Wir teilen Lebensräume mit Füchsen, Krähen, Mäusen, Rehen und neuerdings Wölfen. Unsere Interessen aber unterscheiden sich von denen der Wildtiere in unserer Nachbarschaft. Über den richtigen Umgang mit den tierischen Mitbürgern liegen verschiedene gesellschaftliche Gruppen nicht selten über Kreuz. Gelingendes Zusammenleben indes ist eine Möglichkeit, im Kleinen zu erproben, was es im Grossen, für ein nachhaltiges Leben zu bewältigen gilt.

Carte Blanche / Uta Maria Jürgens
Bild: David Rosenthal

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.

Wölfe sind ein Musterbeispiel für Wildtiere, die uns Mitteleuropäerinnen und -europäer vor die Herausforderung stellen, Konflikte zu mindern und Koexistenz zu ermöglichen. Ebenso tun dies Biber, die Flussläufe umgestalten, Saatkrähen, die infolge landwirtschaftlichen Strukturwandels in Stadtgrün flüchten, Wildschweine, die sich in Vorgärten wohlfühlen, oder die Nosferatu-Spinnen, die sich nordwärts Habitate, darunter Wohnungen, erschliessen.

Sie alle, so zeigt meine Forschung – übereinstimmend mit vielen weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Feld der «Human Dimensions» –, sind aber nicht nur entweder Plagegeister und Konkurrenten für die einen oder idealisierte Repräsentanten resilienter Natur für die anderen. In einem tieferen Sinne sind herausfordernde Wildtiere und unser Umgang mit ihnen ein Brennglas für unsere Beziehung zur mehr-als-menschlichen Natur. Mehr noch: Die Spannungen zwischen Menschen und Wildtieren sowie unsere Auseinandersetzungen über diese verweisen auf die grossen Fragen, die wir für einen Fortbestand unserer Existenz auf der Erde zu beantworten haben.

Wildtiere verkörpern die Eigendynamik der Natur

Wildtiere lassen sich zahlen- wie verhaltensmässig nicht oder nur mit langfristiger Gewalt kontrollieren. Kollateralschäden, unter denen wiederum auch Menschen leiden, sind oft die Folge. Beispielsweise ist das einzig wirksame Mittel, um Saatkrähenkolonien in Städten zu vertreiben, der radikale Rückschnitt oder das Fällen ihrer Brutbäume. Nicht nur stören solche Massnahmen die Ästhetik und die Ökosystemdienstleistungen von Alleen und Stadtparks. Man muss sie auch anhaltend durchführen, da nachwachsende Astgabeln eine noch bessere Basis für den Nestbau bieten. Zudem bewirken Vergrämungen häufig, dass sich die Krähenkolonien aufspalten und an mehreren neuen Standorten neu ansiedeln. Die vermeintliche Lösung bewirkt letztlich eine Ausweitung des Problems. Der Versuch, herausfordernder Wildtiere Herr zu werden, ist ein Glücksspiel, dessen Regeln wir nicht kennen.

Nötige Anpassungen einüben

Indem wir stattdessen die Koexistenz mit herausfordernden Wildtieren versuchen, können wir genau diejenigen zur Genüge wissenschaftlich abgesicherten und allseits bekannten Anpassungen einüben, die notwendig sind, um die verzahnten Krisen vom Artensterben über Zoonosen bis zum Klimawandel zu bewältigen:

Gestaltungsmacht nicht-menschlicher Akteure anerkennen: Einzubeziehen, dass jedes Tier – wie jeder Mensch – eine einzigartige Persönlichkeit und Perspektive hat und entsprechend handelt, erhöht die Effektivität von Management-Massnahmen. Neugierige Wölfe etwa erfordern einen anderen Umgang als vorsichtige Wölfe.

Uns beschränken: Tiere als Akteure ernst zu nehmen, bedeutet, unser Vorrecht auf Ressourcennutzung aufzugeben und diese massiv einzuschränken. Das kostet Wirtschaftswachstum; es nicht zu tun, kostet unser Überleben. Naturschutz ist Menschenschutz: ganz konkret etwa, wenn von Bibern wieder vernässte Auengebiete das Risiko von Hochwasser reduzieren und die intakten Biotope das Übergreifen von Krankheitserregern mindern.

Verantwortung übernehmen: Schon die Spinne im Zimmereck verwischt die Grenzen von Zivilisation und Natur, von menschlichem Souverän und tierlicher Verfügungsmasse. Sie zeigt: Solche konzeptuellen Trennungen sind aus ökologischer Sicht Unfug. Wir Menschen haben besondere Befähigungen – aber wir sind deshalb nicht aus der Natur herausgehoben. Vielmehr sind wir biologische Wesen mit besonderer Verantwortung.

Wir profitieren zu allererst

Die Koexistenz mit Wildtieren ist aus meiner Sicht deshalb ein Testfall für die (Neu-)Bestimmung unserer Rolle in dem einen vernetzten Ökosystem Erde. Sie muss sich auf der praktischen Ebene in Raumplanung, landwirtschaftlichen Praktiken und der Gesetzeslage niederschlagen. Wir können uns nicht vor dieser Notwendigkeit drücken, indem wir uns derjenigen als Störenfriede entledigen, die uns daran erinnern. Nicht alles ist machbar. Begegnungen mit herausfordernden Wildtieren geben uns die Chance, das zu verstehen. Und es nützt zu allererst unser eigenen Spezies, wenn wir sie ergreifen.


Uta Maria Jürgens hat an der ETH Zürich über die Psychologie von Mensch-Wildtier-Beziehungen promoviert und ist Gastwissenschaftlerin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Sie publiziert über Mensch und Natur und entwickelt kreative Lösungen für eine gelingende Koexistenz von Menschen und Rabenvögeln. uta.info

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